Raus aus der Nazifamilie

Sie wurde “völkisch” erzogen. Jetzt endlich fühlt sie sich frei und denkt, was sie selbst für richtig hält

Heidi Redeker hat den Ausstieg geschafft. Foto: Basti Arlt

Heidi Redeker hat den Ausstieg geschafft. Foto: Basti Arlt

Heidi R., 21:

Der Nationalsozialismus hat in meiner Familie eine lange Tradition: Mein Urgroßvater war im Dritten Reich Anhänger der NSDAP; meine Großmutter bewundert Hitler bis heute; mein ­Vater betreibt mit seiner neuen Frau in Sachsen ein Feriendorf, das für die deutsche Naziszene als Veranstaltungsort sehr wichtig ist. Ich dagegen bin vor etwa drei Jahren ausgestiegen.

Es war ein Prozess über Jahre. Mit 15 brach ich den Kontakt zu meinem Vater und meiner Großmutter ab, mit 19 nach und nach auch den zu meinen Freunden aus der rechten Szene. Das ist mir nicht leichtgefallen. Diese Menschen waren einmal sehr wichtig für mich. Eine Zeit lang habe ich versucht, die Freundschaften aufrechtzuerhalten. Ich dachte, wenn wir einfach nicht über ­Politik reden, würde das gehen. Es war nicht möglich.

Heute bin ich mit meiner Entscheidung sehr glücklich. Seit ich ausgestiegen bin, bin ich ein anderer Mensch. Ich fühle mich frei. Ich darf denken und sagen, was ich für richtig halte. Und ich muss keine Menschen hassen, ohne sie zu kennen. Mein Vater wollte zum Beispiel, dass wir nur deutsche Freunde haben. Bei einem Sportfest in meiner Grundschule hat einmal ein Mädchen, dessen Mutter aus Thailand kam, meine Hand genommen. Meine Schwester sah das – und wollte meine Hand danach nicht mehr berühren. Als sie zu Hause davon erzählte, war das Drama groß.

Gehorsam war meinem Vater das Wichtigste. Er hat mir und meinen Schwestern auch eingebläut, was wir im Geschichts­unterricht zu sagen haben. Die meisten Lehrer waren überfordert, wurden sauer und hatten schnell keine Argumente mehr. Woher ich diese ganzen Sachen habe, hat mich nie jemand gefragt.

Mit etwa zwölf Jahren hatte ich eine kurze Phase, in der mir bewusst war, dass da was falsch läuft. Das war nach der Scheidung meiner Eltern. Meine Mutter hatte die Naziideologie nie wirklich vertreten, aber hatte nicht gewagt, sich gegen meinen Vater aufzulehnen. Nach der Trennung gab sie mir ein Buch über das Euthanasieprogramm der Nazis. Als ich meinem Vater erzählte, dass die Nazis Behinderte umgebracht hatten, wurde er wütend. Die Vergasung sei eine Lüge! Mein Vater kann einen psychisch fertigmachen. Wenn du anfängst, mit ihm zu diskutieren, zählt er deine Schwächen auf, bis du eingeschüchtert bist.

Ich habe damals vieles getan, was ich heute sehr bereue

In der Pubertät glaubte ich dann wieder an das, was er sagte. Ich engagierte mich in der rechten Szene. Ich habe damals vieles getan, was ich heute sehr bereue. In meiner Klasse gab es zum Beispiel einen schwarzen Jungen. Ich sagte zu ihm, seine Eltern hätten sich noch von Liane zu Liane geschwungen, während wir schon längst zivilisiert gewesen seien. Später war ich dabei, als wir einen Fotografen, der viel in der rechten Szene recherchiert, krankenhausreif geschlagen haben. Ich schäme mich dafür. Ich kann ihm kaum in die Augen sehen, wenn ich ihn treffe.

Mit meinem Verlobten begann irgendwann die konkrete ­Familienplanung. Da wurde mir klar, dass ich mein Kind nicht so erziehen will, wie ich aufgewachsen bin – in einer „völkischen“ Familie. Und dass es gar nicht zu mir passt, nur zu Hause zu ­bleiben und mich um die Kinder zu kümmern. Mein Verlobter bekam auch immer mehr Zweifel an der rechten Ideologie.

Seit ich mich endgültig aus der Szene zurückgezogen habe, hat sich so viel verändert, dass ich immer noch jeden Tag darüber staune! Früher wäre es mir zum Beispiel nicht möglich gewesen, mich in meiner Ausbildung zur Familienhelferin mit Berufsschulmitschülern anzufreunden, die einen Migrationshintergrund haben. Das hätte ich mir selbst verboten. Aber jetzt kann ich reden, mit wem ich möchte. Ich darf mögen, wen ich will. Das Leben wird dadurch so viel leichter und bunter.

Und ich bin immer wieder erstaunt, dass so viele Menschen bereit sind, mir meine Vergangenheit zu verzeihen. Das hätte ich nie gedacht. Zusammen mit meinem Verlobten habe ich die Aus­steigerhilfe Bayern aufgebaut. Ich gehe wieder auf rechte Demos und Veranstaltungen – nur stehe ich jetzt auf der anderen Seite, bei den „Linken“ und Antifas, die früher meine Feinde waren. Mit wie viel Wohlwollen mir diese Menschen trotz all meiner schlimmen Taten begegnen, wie viel Offenheit und Solidarität sogar von den „Linken“ kommt, das überrascht und überwältigt mich.

Erschienen im Mai 2013 in der Chrismon

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